Klatschmohn

by Frieda

Bedacht beugt er sich mir zu, flüsternd den weiteren Verlauf unserer Reise anvertrauend. Alles in mir verlangt danach ihm näher zu sein. Aber ich kann nicht anders als lächeln, denn seine Augen suggerieren mir dieselbe Pein.
Ich löse den unsittlich langen Blickaustausch und bereite mich auf das Kommende vor. Da sie in derselben Stunde wie ich geboren wurde, verlagt das Gesetz, dass er meiner Schwester mit der gleichen Achtung entgegentritt. Ich halte die Luft an und mustere den gepflasterten Boden. Die Länge meines Blickaustauschs zuvor. Ich schaute auf. Ihre Lippen an den seinen. Ihre Hand seine Wange streichelnd.
Ich renne.
Dorfbewohner am Rand des Feldes. Stehen. Der Wind streicht über die Ähren und bringt vereinzelt Klatschmohn zum Vorschein. Zwei Mädchen finden sich hinter mir und bestaunen den Horizont. Zwei frei fliegende Papierdrachen, ein Blumenfeld wie sorgsam auf ein Seemannsnetz gesteckt segelt am Himmel.
Eine Kutsche sammelt uns ein und wir befahren den langen Feldweg. Ich weiß nicht wohin, aber »fort« fühlt sich gut an. Das Windspiel bringt die Ähren zum Beugen und mein Herz beginnt sich zu beruhigen. Ich atme. Und wie wir dem Blumennetz folgen und sich der Wind zu einem wundervollen Orchester aufbaut, fühle ich, ich würde nun nicht mehr meiner Schwester Mime sein. Mein Verrat ist ein anderer. Die Schönheit, die sich mir anvertraut in Worte fassen zu wollen.